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2. Quartiere auswählen

Mit der Auswahl des richtigen Quartiers für die integrierte energetische Stadtsanierung werden die entscheidenden Weichen für die Konzeptentwicklung und eine daran anschließende Umsetzung gestellt. Die Kernfragen: Welche grundsätzlichen Ziele möchten die handelnden Akteure mit der integrierten Quartiersentwicklung verfolgen? Welche Chancen und Anlässe bietet das letztendlich ausgewählte Quartier konkret für die Konzeptumsetzung? Ein fundierter Auswahlprozess beginnt bei der gesamtstädtischen Ebene, behält die langfristigen kommunalen Zukunftsziele und Strategien im Blick und grenzt schrittweise geeignete Quartiere aufgrund ihrer räumlichen und sozialen Rahmenbedingungen und ihrer Umsetzungschancen ein.

 

2.1 Das Quartier im Fokus kommunaler Entwicklungsziele

Das Quartier als räumliche Betrachtungsebene

Der Begriff des Quartiers hat keine allgemeingültige Definition. Quartier wird je nach Kontext stadträumlich, baukulturell, sozial, administrativ, in Bezug auf Identität oder förderstrategisch verwendet. Räumlich stellt ein Quartier einen geeigneten Maßstab dar, um kommunale Stadtentwicklungsziele mit der konkreten Maßstabsebene einzelner Sanierungsprojekte zu verbinden, ohne das einzelne Gebäude dabei isoliert von Wohnumfeld, Lagequalität und Investitionsklima zu betrachten. Es ist daher sinnvoll, bei der Auswahl von Quartieren für die integrierte energetische Sanierung die eigenen kommunalen Entwicklungsziele im Blick zu behalten und sich nicht zu starr an formalen Kriterien einzelner Förderprogramme zu orientieren, zumal diese häufig vergleichsweise flexibel sind.

Grafik: Das Quartier als räumliche Betrachtungsebene
Abbildung: Das Quartier als räumliche Betrachtungsebene (Grafik: Jung Stadtkonzepte)
Energetische Quartiersentwicklung als Teil der integrierten Stadtentwicklungsstrategie

Für die fachliche Glaubwürdigkeit in der Bürgerbeteiligung, in kommunalpolitischen Entscheidungsprozessen und insbesondere auch für langfristige Förderstrategien ist es wichtig, die energetische Quartiersentwicklung als Teil einer übergreifenden Stadtentwicklungsstrategie zu begreifen. Die Quartiere sollten nicht beliebig, sondern immer mit klarem Blick auf die eigenen Entwicklungsziele ausgewählt werden – neben den Planungszielen der Kommune selbst sind auch die Ziele potenzieller örtlicher Umsetzungspartner wie beispielsweise wohnungswirtschaftliche Unternehmen, Energieversorger, aber auch engagierter bürgerschaftlicher Akteure zu berücksichtigen.

Energetische Quartiersentwicklung als interkommunale Initiative

Besonders für kleine Kommunen ist auch der Blick auf regionale und interkommunale Ziele hilfreich, da sich durch das Erkennen gemeinsamer Ziele häufig Synergieeffekte bei der möglichen Förderantragstellung, Konzeptentwicklung und Umsetzung der energetischen Quartierssanierung bündeln lassen. Erste interkommunale Modellvorhaben der energetischen Quartierssanierung im Land existieren bereits.

Besondere Ziele für das ausgewählte Quartier

Neben den übergeordneten Stadtentwicklungszielen sind auch die mit der Auswahl verbundenen spezifischen Ziele für das Quartier relevant: Sollen in dem Quartier durch die integrierte Konzeptentwicklung quartiersspezifische Probleme gelöst, Hemmnisse beseitigt, Leerstand und Sanierungsstau adressiert werden? Oder ist es das Ziel, ein für die eigene Kommune möglichst repräsentatives Quartier auszuwählen und Sanierungsmaßnahmen und Beratungsangebote zu erproben, die im nächsten Schritt auf den gesamtstädtischen Gebäudebestand übertragen werden können? Insbesondere die Auswahl von Quartieren mit hohen Umsetzungshemmnissen und schwierigen Verhältnissen vor Ort – wie sie beispielsweise häufig in Gebietskulissen des Programms „Soziale Stadt“ zu finden sind – erfordert einen klaren Blick auf die Realisierungschancen und die notwendigen Ressourcen. Die folgenden Werkzeuge – eine Checkliste für integrierte Ziele der Stadt- und Quartiersentwicklung sowie eine Matrix zur Quartiersauswahl– erleichtern den Einstieg in eine zielorientierte Auswahl von Quartieren, können aber auch dazu dienen, bereits ausgewählte Quartiere in Bezug auf ihre Eignung zu prüfen.

Praktische Hinweise zur Quartiersauswahl

Der erste vorbereitende Schritt besteht darin, die Umsetzungs- und Entwicklungsziele gemeinsam zu definieren und mögliche Zielkonflikte zu erkennen – erst dann ist die Suche nach räumlichen Quartiersabgrenzungen sinnvoll. Bisherige Erfahrungen mit der Erstellung von energetischen Quartierskonzepten sprechen dafür, Quartiere im Vorfeld sehr bewusst abzugrenzen. Die Abgrenzung sollte städtebaulich nachvollziehbar und über Raumkanten klar gefasst sein. Der Zuschnitt sollte möglichst so gewählt werden, dass repräsentative Gebäude und Ensembles abgedeckt und Quartiere mit klar ablesbarer Identität nicht willkürlich zerschnitten werden. Für die Analyse ist es darüber hinaus empfehlenswert, wenn die Quartiersabgrenzung deckungsgleich mit vorhandenen räumlichen und statistischen/administrativen Gebietsabgrenzungen (statistische Bezirke, Stadtzellen, Baublöcke oder Ähnliches) ist.

Wenn die Förderung der Quartiersentwicklung durch ein Förderprogramm angestrebt wird, muss die Quartiersabgrenzung und -auswahl die formalen Kriterien des Fördergebers erfüllen. Ein Beispiel ist das Merkblatt der KfW-Bankengruppe zum Programm 432 „Energetische Stadtsanierung": Ein Quartier umfasst laut diesem „stets mehrere flächenmäßig zusammenhängende private und/oder öffentliche Gebäude inklusive der öffentlichen Infrastruktur“. Räumlich ist ein Quartier gemäß dieser Definition ein Gebiet unterhalb der Stadtteilgröße, jedoch mehr als eine Hausgruppe. In Bezug auf die inhaltlichen Ziele über die allgemeinen Programmziele hinaus dürfen die schlussendlich entstehenden Quartierskonzepte den kommunalen Zielen lediglich nicht widersprechen. Das Programm überlässt den antragstellenden Kommunen damit einen großen Spielraum, die Weichen für den späteren Umsetzungserfolg frühzeitig und strategisch zu stellen.

Die Größe des Quartiers und die sinnvolle Anzahl an Gebäuden und Wohneinheiten hängt von der Bebauungs- und Siedlungsstruktur des repräsentativen Quartierstyps, von der Größe der Gesamtstadt und nicht zuletzt von den eigenen Ressourcen ab. Je nach Ziel der Quartierserneuerung kann es auch sinnvoll sein, zeitgleich mehrere Quartiere in der Kommune auszuwählen und eine parallele Konzeptentwicklung durchzuführen.

2.2 Repräsentative Quartierstypen und deren Merkmale

Ein großer Teil des Gebäudebestands Nordrhein-Westfalens lässt sich gemäß seiner räumlichen Struktur, der Gebäudetypologien, der baukulturellen und siedlungsgeschichtlichen Entwicklung und der soziodemografischen Rahmenbedingungen in repräsentative Quartierstypen einteilen. Diese Typisierung hilft dabei, bereits zu einem frühen Zeitpunkt den grundsätzlichen Handlungsrahmen einzuschätzen, da für die repräsentativen Quartierstypen und deren spezifischen Gebäudebestand bereits vielerorts Lösungen entwickelt und dokumentiert wurden. Auf Grundlage der Typenbetrachtung können jenseits der rein energetischen Aspekte rasch Handlungsschwerpunkte wie beispielsweise Baukultur und Denkmalschutz, Barrierefreiheit, Leerstandsmanagement, Wohnumfeld und viele weitere identifiziert werden.

Im folgenden Abschnitt sind als erster Einstieg repräsentative Quartierstypen mit besonderem Fokus auf Nordrhein-Westfalen und in Bezug auf ihre Besonderheiten für die integrierte Quartierssanierung beschrieben:

Historischer Ortskern

Viele Kommunen in Nordrhein-Westfalen haben historische Ortskerne auf mittelalterlichen Grundrissen. Sie zeichnen sich durch eine dichte, heterogene Bebauung, eine Eigentümerstruktur und eine Vielzahl an historischen Gebäuden aus. Oft ist ihr Gebäudebestand durch kleine, nicht an aktuelle Wohnbedürfnisse angepasste Grundrisse und individuelle Sanierungsrückstände geprägt – diese Ausgangslage bietet Herausforderungen, aber auch eine Vielzahl von zukünftigen Sanierungsanlässen als Chance. Vielfach existiert eine Denkmalbereichssatzung oder ein objektbezogener Denkmalschutz, was weitere technische und baukulturelle Anforderungen an Sanierungsmaßnahmen mit sich bringt und es erfordert, die untere Denkmalbehörde frühzeitig einzubinden. Problematisch sind zuweilen hohe Leerstände der Ladenlokale und geringe Budgets der Eigentümer. Energetische Potenziale ergeben sich durch die charakteristische hohe städtebauliche Dichte – beispielsweise für Nahwärmenetze im Bestand.

Die Mischung aus Wohnen, Kleingewerbe, Handel sowie Gastronomie ist ebenfalls charakteristisch für historische Ortskerne. Neben Einzeleigentümern sind Laienvermieter mit wenigen Immobilien typisch für solche Quartiere.

Räumlich sind Altstadtkerne häufig klar durch ehemalige Wallanlagen abgegrenzt, die auch die Identität und Wahrnehmung des Quartiers bei der Bewohnerschaft prägen. Es kann jedoch sinnvoll sein, die Abgrenzung des historischen Ortskerns für das Projekt um Nachbarquartiere mit starkem funktionalen Bezug zu erweitern, um so die Ansatzpunkte für die Umsetzungsphase zu erweitern.

Grafik: Historischer Ortskern (Beispiel Steinfurt)
Historischer Ortskern (Beispiel Steinfurt)

Beispielquartier Historischer Ortskern

Gründerzeitliche Mischquartiere

Die in der Gründerzeit entstandenen Quartiere zeichnen sich durch eine hohe bauliche Dichte sowie durch eine Durchmischung mit gewerblichen Nutzungen aus. Meist prägen Mehrfamilienhäuser das Stadtbild, Plätze und kleinere Grünbereiche lockern die Stadtstruktur auf. Historische Gebäude sind häufig durch architektonisch und baukonstruktiv weniger anspruchsvolle Nachkriegsbauten ersetzt worden. Charakteristisch in vielen zentralen Lagen sind zudem altindustrielle Gebäudestrukturen, für die es oftmals in dieser Form keine Nachfolgenutzung gibt und die daher brachliegen. Unsachgemäße Einzelsanierung mit einseitigem Fokus auf Gebäudedämmung gefährdet häufig das Stadtbild und den baukulturellen Wert des Gebäudebestands. Häufig stellen geringe Budgets der Bewohner und Eigentümer ein Modernisierungshemmnis dar. Energetische Potenziale liegen in der hohen städtebaulichen Dichte und den vergleichsweise günstigen Voraussetzungen für eine leitungsgebundene Wärmeversorgung.

Der Gebäudebestand ist in Bezug auf Baualter und Sanierungszustand aufgrund der Kriegsfolgen und des Wiederaufbaus der Nachkriegszeit häufig sehr heterogen.

Grafik: Gründerzeitliches Mischquartier (Beispiel Viersen)
Gründerzeitliches Mischquartier (Beispiel Viersen)

Beispielquartier Gründerzeitliche Mischquartiere: Südstadt Viersen

Zechen- und Werkssiedlungen

Die im Zuge der Industrialisierung entstandenen Zechen- und Werkssiedlungen mit ihren Schwerpunkten in den Metropolräumen des Ruhrgebiets und Rheinlands zeichnen sich häufig durch einen hohen baukulturellen Wert aus. Viele herausragende Beispiele ihrer Epoche sind durch eine Denkmalbereichssatzung unter formalen Schutz gestellt. Sanierungsrückstände und die Anzeichen unsachgemäßer Sanierung sind oft auffällig. Obwohl sich noch viele Zechen- und Werkssiedlungen im Portfolio kommunaler Wohnungsbaugesellschaften oder Genossenschaften befinden, sind etliche in den letzten Jahrzehnten auch privatisiert worden. Die Wohnungen in historischen Siedlungen sind sowohl mit Blick auf die zur Verfügung stehende Wohnfläche als auch auf die bauliche Ausstattung jedoch häufig weit entfernt von aktuellen Wohnstandards. Das macht hohe Investitionskosten und Eingriffstiefen erforderlich, die nur schwer mit dem baulichen Denkmalschutz zu vereinbaren sind. 

Die Bestandssiedlungen bieten jedoch auch viele Chancen für quartiersbezogene Ansätze der Erneuerung: Die baukonstruktiven Charakteristika der Bestände sind oft gut dokumentiert, die serielle Bauweise bietet Möglichkeiten für Mengeneffekte und effiziente Kampagnen der Sanierung. Zu den unbedingten Stärken der Siedlungen zählt auch die Durchgrünung und die hohe Freiraumqualität, deren Entwicklung auch Anknüpfungspunkt für die energetische Erneuerung einer Siedlung sein kann. Die Siedlungen sind häufig noch durch eine starke lokale Identität und einen hohen sozialen Zusammenhalt geprägt – nachbarschaftliche Strategien der Sanierung und Wärmeversorgung finden hier vergleichsweise gute Umsetzungsbedingungen.

Der Quartiersumgriff ergibt sich aus den historischen, räumlichen und sozialen Grenzen der Siedlung. Auch vergleichsweise große Zechen- und Werkssiedlungen eignen sich aufgrund ihrer homogenen Strukturen gut für die integrierte Quartierssanierung.

Grafik: Zechensiedlung (Beispiel Gelsenkirchen-Hassel)
Zechensiedlung (Beispiel Gelsenkirchen-Hassel)

Beispielquartier Zechen- und Werkssiedlungen: Gelsenkirchen-Hassel

Siedlungen der frühen 1950er und 1960er Jahre

Möglichkeiten der seriellen Sanierung. Durch die hohe Zahl der Verbraucher ergeben sich gute Chancen für die quartiersbezogene Wärmeversorgung.

Insbesondere in der Bürgerbeteiligung ist die Eigentümerstruktur bei der Auswahl von Themen zu berücksichtigen – Mieter haben nur ein geringes Handlungspotenzial in Bezug auf die Gebäudesanierung und investieren nicht selbst in Sanierungsmaßnahmen am Gebäude. Umso mehr stehen niedrigschwellige Maßnahmen des Energiesparens, aber auch nachbarschaftliche Aktionen zur Verbesserung des Wohnumfelds im Fokus. Die frühzeitige Einbindung der wohnungswirtschaftlichen Akteure im Quartier ist unerlässlich.

Grafik: Siedlung der 50er und 60er Jahre (Beispiel Bielefeld-Sennestadt)
Siedlung der 50er und 60er Jahre (Beispiel Bielefeld-Sennestadt)

Beispielquartier Siedlungen der frühen 1950er und 1960er Jahre: Bielefeld-Sennestadt

Einfamilienhausgebiete der 50er bis 70er Jahre im ländlich geprägten Raum

Einfamilienhäuser sind die dominante Wohn- und Siedlungsform im ländlichen Nordrhein-Westfalen. Eine zunehmende Motorisierung hat besonders ab den 50er und 60er Jahren zu einer Suburbanisierungswelle geführt. Dies hat an vielen Orten homogene Einfamilienhausgebiete mit geringen städtebaulichen Dichten hervorgebracht. Der heutige Charakter dieser Gebiete ist oftmals gekennzeichnet von dezentralen Lagequalitäten mit vergleichsweise schlechten Erreichbarkeiten von Versorgungseinrichtungen. Die Quartiere zeigen zudem häufig Überalterungstendenzen. Wenn die Kinder bereits ausgezogen sind, ist die Wohnfläche mittlerweile oft zu groß. Im Gegensatz zu Einfamilienhausgebieten in Ballungsrandlage finden sich im ländlich geprägten Raum oft vergleichsweise günstige Grundstückspreise und größere Grundstücksflächen. Die Quartiere weisen sehr heterogene, individuelle Zustände in Bezug auf den Sanierungszustand und die energetische Ausstattung auf.

Grafik: Einfamilienhausgebiet aus den 50er bis 70er Jahren im ländlich geprägten Raum (Beispiel Wettringen)
Einfamilienhausgebiet aus den 50er bis 70er Jahren im ländlich geprägten Raum (Beispiel Wettringen)

Beispielquartier Einfamilienhausgebiete der 50er bis 70er Jahre im ländlich geprägten Raum: Wettringen-Ost

Einfamilienhausgebiete der 50er bis 70er Jahre in Ballungsrandlagen

Einfamilienhausgebiete der 50er bis 70er Jahre in der Nähe zu Ballungsräumen unterscheiden sich von vergleichbaren Gebieten, die eher ländlich geprägt sind. Unter den Bewohnern finden sich häufig Berufspendler in das nahe gelegene Oberzentrum. Sie profitieren grundsätzlich von einer schnelleren Erreichbarkeit von Infrastruktureinrichtungen und einem besseren Mobilitätsangebot. Dies hat wiederum höhere Grundstückspreise und städtebauliche Dichten zur Folge. Unter bestimmten Umständen bestehen in diesen Lagen sogar Anknüpfungspotenziale zu benachbarten, verdichteten Wohnlagen mit Geschosswohnungsbau, wodurch eine Einbindung von Wohnungsbauunternehmen ermöglicht werden könnte. Die Gebiete zeichnen sich ebenfalls durch sehr heterogene, individuelle Zustände in Bezug auf Sanierungszustand und energetische Ausstattung aus. Durch die steigenden Immobilienpreise und die hohe Nachfrage nach Immobilien haben Eigentümer häufig eine geringere Investitionsbereitschaft in die Instandhaltung des eigenen Hauses, da sich dies beim Wiederverkauf nicht rentiert.

Sozial zeichnen sich Einfamilienhausgebiete in Ballungsrandlagen häufig durch Tendenzen zur „Schlafstadt“ mit einer geringen nachbarschaftlichen Identifikation und wenig Engagement der Bewohner aus, bis hin zu Konflikten mit alteingesessenen Bewohnern benachbarter älterer Quartiere. Diese Ausgangslage ist relevant bei der Auswahl von Beteiligungsformaten im Quartier.

Grafik: Einfamilienhausgebiet aus den 50er bis 70er Jahren im Einzugsgebiet von Köln (Brühl-Roddergrube)
Einfamilienhausgebiet aus den 50er bis 70er Jahren im Einzugsgebiet von Köln (Brühl-Roddergrube)

Beispielquartier Einfamilienhausgebiete der 50er bis 70er Jahre in Ballungsrandlagen: Brühl-Roddergrube

Großwohnsiedlungen der 1960er und 1970er Jahre

das damalige Ideal der autogerechten Stadt üppig dimensionierte Flächen für den Individualverkehr, jedoch oft wenig attraktive Freiflächen als Abstandsgrün auf. Aufgrund der modulartigen Bauweise mit großen Gebäudevolumen und der hohen städtebaulichen Dichte bieten Großwohnsiedlungen oft ein hohes Energieeffizienzpotenzial. Durch die hohe Zahl der Verbraucher ergeben sich gute Chancen für die quartiersbezogene Wärmeversorgung, die großen Gebäude eignen sich häufig als Ankerkunden für Nahwärmenetze mit dem Potenzial, umliegende kleinteiligere Strukturen mitzuversorgen. Die großen Dach- und Freiflächenpotenziale bieten Chancen für die innerstädtische Erzeugung von Strom aus Photovoltaik.

Die Großwohnsiedlungen befinden sich überwiegend im Besitz der Wohnungswirtschaft, die somit auch zentraler Akteur bei der Quartierserneuerung ist. Die Siedlungen sind oft von einer sozialen Entmischung und Abwertungstendenzen betroffen. Der Fokus der Bewohner liegt dabei zumeist nicht auf der energetischen Erneuerung oder auf dem Klimaschutz, sondern häufig auf Aspekten der Wohnumfeldverbesserung, Nahversorgung und Mobilität.

Grafik: Großwohnsiedlung (Beispiel Dormagen-Horrem)
Großwohnsiedlung (Beispiel Dormagen-Horrem)

Beispielquartier Großwohnsiedlungen der 1960er und 1970er Jahre: Brühl-Vochem

Ländlich geprägte Ortslagen/Dorfkerne

Ländliche Ortslagen zeichnen sich durch eine lockere Bebauung aus. Meist sind Ansammlungen einiger Gebäude und/oder Höfe auszumachen, die sich außerhalb geschlossener Ortschaften befinden. Charakteristisch sind vergleichsweise große Grundstücksflächen und oftmals lineare Strukturen der Streusiedlungen („Straßendörfer“). Probleme können sich aufgrund von Überalterung und fehlenden Nachfolgeregelungen ergeben. Ländliche Ortslagen weisen häufig relativ große Flächenpotenziale für die Erzeugung erneuerbarer Energien auf – auch im Sinne funktionaler Anknüpfungspunkte zur Landwirtschaft (Bioenergie). Gleichzeitig sind die Lagen jedoch aufgrund geringer Dichte durch hohe Infrastrukturkosten für leitungsgebundene Energieversorgung geprägt.

Für ländliche Ortslagen und Dorfkerne gelten naturgemäß andere Bedingungen. Als Quartierstyp standen sie im Rahmen von energetischen Konzepten lange Zeit nicht im Vordergrund, mittlerweile liegen Erfahrungswerte aus ersten Modellprojekten der energetischen Quartierssanierung in ländlich geprägten Räumen vor. Ländliche Ortslagen bestehen meist aus einzelnen, zusammenhängenden Hausgruppen und einigen Sondertypen (z. B. Bauernhöfe). Ein Quartier für die energetische Quartierssanierung sollte mehrere Gebäudetypen möglichst repräsentativ für viele vergleichbare Ortslagen enthalten.

Grafik: Ländliche Ortslage (Beispiel Flecken Duingen)
Ländliche Ortslage (Beispiel Flecken Duingen)

Beispielquartier ländlich geprägte Ortslagen: Flecken Duingen, Samtgemeinde Leinebergland, Landkreis Hildesheim

2.3 Chancentypisierung von Quartieren

Es ist sinnvoll, bei der Auswahl des Quartiers für die Konzeptentwicklung und Umsetzung aufbauend auf den kommunalen Zielen und den stadträumlichen Rahmenbedingungen  gezielt auch zukünftige Umsetzungschancen zu berücksichtigen. Es geht darum, welche dynamischen Prozesse und Umbrüche im Quartier in den nächsten Jahren Ansatzpunkte für die erfolgreiche Quartierserneuerung bieten. Mögliche beispielhafte Anknüpfungspunkte im Überblick:

  • Geplante größere Umbau- oder Neubaumaßnahmen im Gebäude- und Infrastrukturbereich 
  • Beabsichtigte Sanierungsmaßnahmen von Wohnungsbauunternehmen
  • Einbindung in gesamtstädtische Konzepte (Stadtentwicklungskonzept, Klimakonzept) oder kommunale Entwicklungsmaßnahmen 
  • Einbindung in regionale und interkommunale Prozesse und Projekte (z. B. LEADER, Stadt-Umland-Verbünde)
  • Soziodemografische Umbrüche im Quartier (mittelfristige Überalterung mit Häufung von Leerständen)
  • Bürgerinitiativen mit konstruktivem Engagement rund um die Quartierserneuerung

Das nachfolgende Werkzeug einer Matrix und Checkliste zur Chancentypisierung von Quartieren erleichtert die Einschätzung von Umsetzungschancen und -hemmnissen im Quartier:

2.4 Modellquartiere als Vorreiter

Für die Einschätzung von Umsetzungschancen der eigenen Quartiere ist es hilfreich, einen Blick auf repräsentative Modellquartiere als Vorreiter und deren Ausgangslage und Rahmenbedingungen zu werfen. Besonderes Augenmerk verdienen die Ergebnisse des Begleitforschungsprozesses zum KfW-Programm 432 „Energetische Stadtsanierung“, welches unter Federführung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) von 2012 bis 2017 durchgeführt wurde.

In einem Arbeitsprozess mit 63 Pilotprojekten und deren Akteuren hat die Begleitforschung Erkenntnisse über die Wirkung von integrierten energetischen Quartierskonzepten sowie die Arbeitsweisen von Sanierungsmanagements herausgearbeitet und die Quartiere nach ihren Startvoraussetzungen und den Umsetzungsbedingungen kategorisiert. Die Links zu den Modellquartieren und den Ergebnissen der Begleitforschung sind im Folgenden aufgelistet, ebenso wie weitere Verweise auf modellhafte Quartiere.

Weiterführende Links